Diese Fantasie geht der Wissenschaft häufig ab.
Aber es gibt sie auch dort. Nehmen Sie die berühmte Anekdote von Albert Einstein, in der er als Jugendlicher gedanklich ein Wettrennen mit einem Lichtstrahl durchspielte: Würde das Licht dann stillstehen? Würde man eine «eingefrorene» Lichtwelle sehen? Diese Vorstellung war ein Schlüsselmoment für die spätere Entwicklung seiner Relativitätstheorie.
Das ist interessant. Die kurze Geschichte eröffnet einen Zugang zum Fachgebiet, auch wenn man die Theorie natürlich nicht im Detail versteht. Vielleicht fehlt in der Klimadebatte genau dieses erzählerische Element.
Ich las einmal das Buch «A Brief History of Time» von Stephen Hawking. Unheimlich spannend, aber auch kompliziert. Weil es mich beschäftigte, schrieb ich regelmässig eigene «Schöpfungsgeschichten». Eine davon handelte von einer Erbse. Ich liess die Geschichten auf Englisch übersetzen und schickte sie Stephen Hawking – natürlich bekam ich nie eine Antwort. Kurz vor seinem Tod jedoch erwähnte Hawking in einem Text, das Universum sei am Anfang nicht grösser als eine Erbse gewesen. Das habe ich schmunzelnd zur Kenntnis genommen.
Die Klimadebatte wird stark durch ihre zentralen Begriffe geprägt. Ich würde Ihnen gerne fünf Schlüsselbegriffe nennen und Sie sagen spontan, was Ihnen dazu in den Sinn kommt.
In Ordnung.
Netto-Null.
Fangen wir bei der Null an. Null CO2-Emissionen. Klingt erstmal positiv. Gefährlich ist das vorangestellte Netto. Wenn wir zwar Emissionen haben, uns aber davon freikaufen, können wir trotzdem sagen: Netto-Null. Aber brutto wird es nicht Null sein.
Dekarbonisierung.
De- ist ein bisschen ein Mode-Präfix. Nach jedem Briefing gibt es ein Debriefing, nach der Regulierung die Deregulierung. Hinter diesem De- steckt also auch immer ein kleiner Vorwurf gegen das, was vorher gemacht wurde. Was im Falle der Karbonisierung inhaltlich gerechtfertigt ist, aber der Begriff an sich hat einen negativen Grundton.
CO2-Staubsauger.
Da steckt ein starker Technologie- und Machbarkeitsglauben drin. Wir glauben ja auch daran, dass unsere atomaren Abfälle irgendwann sicher gelagert werden können. Kürzlich las ich, dass nun in Finnland ein geologisches Endlager für hochradioaktive Abfälle entsteht. Und schon sind alle wieder beruhigt, weil das unser Vertrauen darin bestärkt, dass die Technik unsere Probleme letztlich schon lösen wird.
Kipppunkte.
Es gibt ein sehr schönes Theaterstück aus den 1960er Jahren von Tom Stoppard mit dem Titel «Rosencrantz and Guildenstern Are Dead». Das sind zwei eher sonderliche Jugendfreunde von Hamlet, die im Auftrag des Königs an den Hof von Dänemark gerufen werden, um den betrübten Hamlet aufzuheitern. Das Stück endet nach vielen Wirrungen mit dem Tod der beiden, und als sie zum Galgen geführt werden, sagt der eine: «There must have been a point where we could have said no, but somehow we missed it.»
Und zuletzt: Klimakrise.
Krisen sind schwer verdaulich, deshalb ertragen wir nicht allzu viele. Wir hatten eine Pandemiekrise. Erleben im Moment die Ukrainekrise. Die Krise zwischen Israel und Palästina. Die Krise im Sudan, im Kongo. Irgendwann stumpfen wir ab.
Welcher Begriff ist besser: Klimawandel oder Klimakatastrophe?
Bei Katastrophe oder eben auch Krise ist immer eine Interpretation dabei. Ich bevorzuge deshalb den Begriff Klimawandel. Er mag harmlos klingen, beschreibt aber etwas, das effektiv stattfindet.
Sie haben fast die ganze Schweiz durchwandert. Gibt es für Sie ein typisches Bild des Klimawandels?
Der schwindende Aletschgletscher. Wenn man dort auf dem Konkordiaplatz steht, diesem unglaublich kraftvollen Ort, an dem mehrere Firnströme zusammenfliessen, sieht man weit oben die Konkordiahütte. Sie steht auf einem Felsvorsprung und stand direkt neben dem Gletscher als sie 1877 gebaut wurde. Heute erreicht man sie über ein spektakuläres Treppengerüst, das jedes Jahr um ein Stück erweitert werden muss, weil der Gletscher so rasant schmilzt. Vor zwanzig Jahren wanderte ich mit meinem jüngeren Sohn vom Jungfraujoch den Aletschgletscher hinunter, damit er dieses Naturschauspiel auch erleben konnte. Wer weiss, wie lange das noch möglich sein wird.