Zumindest dient das vorindustrielle Zeitalter vielen Klimaaktivisten als nostalgische Referenz: Da war die Welt noch in Ordnung, was die CO2-Emissionen betrifft.
Es war aber auch die Zeit, in der die grosse Mehrheit der Menschen unter kargen Bedingungen lebte. Die Winter waren eiskalt und stellten für viele Menschen eine reale Bedrohung für ihr Überleben dar.
Das bringt uns grad zum nächsten Punkt: Eine Krise muss mit negativem Empfinden einhergehen – Angst, Wut, Hoffnungslosigkeit. Wem tut der Klimawandel weh?
Sicher den Klimaflüchtlingen, die vor der existenziellen Frage stehen, ob sie bleiben können oder fliehen müssen – etwa von den pazifischen Inseln. Betroffen sind auch ältere Menschen in Städten, die nicht auf die zunehmenden Hitzewellen vorbereitet und deshalb in heissen Sommermonaten einem erhöhten Sterberisiko ausgesetzt sind. Und zunehmende Extremwetterlagen schädigen punktuell jeden, der davon betroffen ist.
So tragisch solche Schicksale sind – wir sprechen von einzelnen Gruppen.
Man muss schon sehen, dass die phänomenologische Schmerzerfahrung des Klimawandels in Gesellschaften wie der unseren eher gering ist. Manche sagen sogar zynisch, es sei bei uns im Sommer jetzt so angenehm warm wie früher in Sizilien. Es gehört zu den Unehrlichkeiten der Klimadebatte, zu verschweigen, dass der Klimawandel auch Gewinner kennt. Wenn etwa in Sibirien der Permafrost auftaut, hat das zwar gravierende Folgen, etwa durch freigesetzte Treibhausgase und instabile Böden, eröffnet aber zugleich Zugang zu bislang unerreichbaren Rohstoffen.
Der nächste Punkt ist aus Ihrer Sicht zentral. Eine Krise muss Ratlosigkeit und die damit verbundene Frage auslösen: Was nun?
Auch dieses Kriterium ist nicht erfüllt. Im Gegenteil: Beim Klimawandel werden schon seit einem halben Jahrhundert eine ganze Reihe von Massnahmen diskutiert, Stichwort erneuerbare Energien. Und es hat sich ja auch schon viel verändert: Früher fuhren Autos ohne Katalysator, Solaranlagen waren kaum sichtbar. Heute liefern Solarpanels und Windräder einen wichtigen Teil des Stroms, und auch Elektroautos sind längst im Alltag angekommen.
Trotzdem steht der grosse Durchbruch noch aus. Damit kommen wir zum letzten Kriterium: Eine Krise muss klar begrenzt sein – sonst ist es keine Krise, sondern Normalität. Aber ich ahne schon: wieder kein Treffer.
Wie denn auch? Es gibt keine Rückkehr zum Status quo ante. In vorindustrielle Verhältnisse können und wollen wir nicht zurück, wir können höchstens die weitere Erwärmung stabilisieren – vielleicht bei 1.5, eher bei 2 oder 2.5 Grad Celsius.
Spätestens 2050 soll das Netto-Null-Ziel erreicht werden.
Aber auch das würde nicht bedeuten, dass eine Krise beendet ist, sondern dass wir in eine neue Dimension des Anthropozäns eintreten. Und zwar in eine, in der wir mit den Ressourcen der Erde und ihrer Atmosphäre grundlegend anders umgehen müssen als alle Zivilisationen vor uns.