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Niels Birbaumer

«Alle Psychopathen sind therapierbar»

Theoretisch. Aber wir wissen noch nicht genau, welche Massnahmen in der Praxis wirksam sind, räumt der Tübinger Hirnforscher Niels Birbaumer ein.

Herr Birbaumer, Sie untersuchen seit Jahren die Gehirne von Psychopathen. Sind solche Straftäter therapierbar?
Ja. Wir wissen zwar nicht exakt, wer genau auf welche Intervention anspricht, aber im Prinzip sind alle Psychopathen therapierbar.

Alle?
Sicher.

Das kann ich fast nicht glauben.
Beweisen Sie mir das Gegenteil! Man müsste schlimmsten Straftätern, also Sadisten, Serienmördern oder Vergewaltigern, bestmögliche Therapien anbieten und feststellen, dass sie langfristig nicht darauf ansprechen. Dann könnte man sagen: «Die sind nicht therapierbar.» Mir ist nichts bekannt, wo das wissenschaftlich korrekt gemacht worden wäre.

Und bis das Gegenteil bewiesen ist, glauben Sie daran, dass auch Sadisten und Serienmörder therapierbar sind?
Klar!

Was macht Sie da so sicher? Sie sagten ja eben grad selber, wir wissen es nicht.
Die Logik spricht für mich.

Ihre Grundannahme lautet: Psychopathen haben keine Furcht. Was meinen Sie damit?
Genau genommen spreche ich von einer fehlenden antizipatorischen Furcht. Alle diese Leute – Jeffrey Dahmer, Jack Unterweger, Psychopathen im Allgemeinen – haben rational genau vorhergesehen, was ihre Taten für Konsequenzen haben können, nämlich lebenslanges Gefängnis oder sogar die Todesstrafe. Aber diese Vorhersagen lösten emotional nichts aus, sie fühlten nichts dabei.

Was wäre normal?
Wenn wir an die Konsequenzen einer Straftat denken, reagiert unser Körper sofort: das Herz schlägt schneller, wir schwitzen stärker, der Magen zieht sich zusammen, die Muskeln spannen sich an ... Schauen Sie, wir sitzen jetzt grad ganz gemütlich in meinem Büro. Wenn Sie sich nun aber nur schon vorstellen, dass einer Ihnen nahestehenden Person grosse Schmerzen zugefügt werden, dann kriegen Sie genau diese körperlichen Reaktionen. Das fehlt bei den Psychopathen, die sind absolut gefühlskalt.

Sie haben ja bei diesem Thema eine hohe street credibility, wie man heute sagen würde: Als Jugendlicher waren Sie in einer Strassengang, knackten Autos, bohrten jemandem mit voller Wucht eine Schere in den Fuss. Hatten Sie selber auch keine Furcht vor den Konsequenzen?
Und ob! Ich war immer sehr ängstlich und kann mich gerade deshalb gut mit der Furchtlosigkeit identifizieren, weil ich unheimlich lange gebraucht habe, meine Furcht loszuwerden. Das ist der Unterschied zwischen Furchtlosigkeit und Mut: Psychopathen sind furchtlos. Wenn Sie hingegen mit dem Fallschirm aus dem Flugzeug springen, wie ich es auch machte, müssen Sie mühsam lernen, diese Furcht zu überwinden. Ich wusste: Ich habe in dieser Gang keine Chance, wenn ich nicht lerne, mich nach aussen hin furchtlos zu verhalten. Letztlich hatte ich aber immer Angst vor den Konsequenzen. Und so wurde aus mir auch kein guter Verbrecher!

Sind Sie deshalb ausgestiegen?
Nein, das hatte mit einem Schlüsselerlebnis zu tun. Mit 14 oder 15 Jahren landete ich für einen Tag im Gefängnis. Als ich entlassen wurde, hat mich mein Vater zunächst wortlos abgeholt. Zuhause aber sagte er mir klipp und klar: «So, Freundchen, wenn du ab jetzt nicht regelmässig in die Schule gehst, dann stecke ich dich in eine Lehre für Polsterer.» Dann hat er mich das die Sommerferien lang machen lassen, und mir wurde angst und bange beim Gedanken, dort bleiben zu müssen ...

... antizipatorische Furcht!
Genau. Ich zeigte das typische Verhalten ängstlicher Leute.

Ihr enger Fokus auf die Furchtlosigkeit wird ja durchaus kritisch betrachtet. Der Psychiater Frank Urbaniok weist zum Beispiel darauf hin, dass Psychopathen noch viele andere risiko-relevanten Persönlichkeitsmerkmale haben würden.
Natürlich. Das ist sicher richtig.

Warum ist für Sie die Furchtlosigkeit denn trotzdem zentral?
Aus drei Gründen. Erstens: Die mangelnde antizipatorische Furcht ist in der Fachliteratur der letzten vierzig Jahre am besten belegt. Zweitens: Wenn die Psychopathen genug Furcht vor den Konsequenzen haben, setzen sie ihr Vorhaben nicht in die Tat um, unabhängig von anderen klassischen Merkmalen wie Sadismus oder Tötungsphantasien. Die Furcht ist das grosse Stoppschild – wie für uns alle! Und drittens, damit sind wir wieder bei Ihrer übergeordneten Frage: Furchtlosigkeit ist therapierbar.

Was macht Sie da so sicher?
Weil sie im Gehirn verankert ist.

Das ist der zweite Punkt in Ihrer Logik. Wie muss man sich das konkret vorstellen?
Normalerweise wird in unserem Gehirn in dem Moment, in dem man seine individuellen Bedürfnisse in eine strafbare Handlung umsetzen will, ein Furcht-System hochgefahren, das diese Bedürfnisse unterdrückt.

Solche Bedürfnisse sind laut dem Kriminalpsychologen Thomas Müller ja die treibenden Kräfte für das konkrete Tatverhalten – zum Beispiel die Bedürfnisse des Psychopathen nach Macht, Dominanz und Kontrolle.
Und genau darum ist das Furcht-System so wichtig. Dieses Netzwerk der antizipatorischen Furcht umfasst verschiedene Areale, die über das ganze Gehirn verteilt sind und kann innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde eine starke hemmende Kraft entfalten, wenn sie aktiviert werden.

Können Sie beschreiben, was in solchen Momenten im Gehirn abläuft?
Im Hirnscan würde schon nach wenigen Millisekunden, also noch unbewusst, die Amygdala aktiviert, weil etwas als negativ, unangenehm, gefährlich bewertet wird – in diesem Fall die zu erwartenden Konsequenzen der Straftat. Das geht einher mit typischen körperlichen Reaktionen wie eben Herzklopfen, Schweissaktivität und Muskelanspannung. Diese Informationen aus dem Körper registriert dann wiederum die Insula, die Nachbarin der Amygdala. So entstehen überhaupt erst Gefühle, wir empfinden Furcht, sagen uns: Stopp, da könnte etwas passieren. Um diese beiden Areale rum liegt wie ein Gürtel das Cingulum, welches die Stopp-Anweisung ausführt und die Attacke aufgrund dieser Furcht abbricht. Und schliesslich ist das vordere Stirnhirn beteiligt, das mit langfristig erlernten moralischen Regeln zusammenhängt – was also erlaubt ist und was nicht.

Wie reagiert dieses Furcht-System, wenn man sich dem Opfer weiter nähert?
Je näher man ihm kommt, desto stärker wird dieses Schutzsystem aktiviert. Damit es dann tatsächlich die Handlung stoppt, ist das Hochfahren der Insula, also das Empfinden von Furcht, zentral.

Das wäre der Normalfall. Was aber passiert bei den Psychopathen?
Auch bei ihnen ist ein Blutfluss in der Amygdala und Insula zu sehen, allerdings nur minimal. Darüber hinaus werden auch Teile des Stirnhirns hochgefahren – aber nur die rationalen, nicht die emotionalen. Psychopathen antizipieren also alle Vorgänge der Entführung, der Vergewaltigung oder des Mordes im Detail, ohne jedoch dabei Skrupel oder Furcht zu empfinden. Eine fatale Kombination.

So wie Sie das schildern, ist ein umfassendes Netzwerk im Gehirn betroffen. Müsste das im Hinblick auf die Frage der Therapierbarkeit nicht pessimistisch stimmen?
Im Gegenteil, das sind gute Nachrichten!

Warum?
Weil wir die beteiligten Hirnareale klar identifiziert und festgestellt haben, dass diese Areale prinzipiell aktivierbar sind und damit auch gezielt beeinflusst werden können. Besonders wichtig ist dabei die Insula im limbischen System: Wenn ich die jetzt bei Psychopathen nach oben reguliere, so die Logik, dann wird die Furcht erkannt.

Aber doch nur, wenn Sie von einer hohen neuronalen Plastizität dieser Areale ausgehen. Der bekannte deutsche Hirnforscher Gerhard Roth jedoch sagt: «Gerade das limbische System ist nur sehr gering veränderbar.»
Dann soll er sich nur mal die Literatur zur Angst-Expositions-Therapie durchlesen: 90 % der Patienten sind nach der Therapie geheilt. Das sage ich ihm schon seit Jahren!

Das limbische System ist also genauso veränderbar wie das vordere Stirnhirn, dessen hohe Plastizität unbestritten ist?
Dazu gibt’s tausende Arbeiten, die können Sie gar nicht mehr überblicken.

Subjektiv erleben wir jedoch, dass wir uns unheimlich schwer damit tun, uns zu verändern. Wir fürchten uns ein Leben lang vor denselben Dingen.
Was stimmt: Jede Furcht hat eine bestimmte Phase, in der sie leicht konditionierbar ist. Phobien vor Tieren, vor dem Dunkeln entstehen im Kindesalter sehr viel leichter – aber sie sind alle gelernt. Und was gelernt wurde, kann auch wieder verlernt werden, das kann gar nicht anders sein, denn Lernen und Verlernen ist für die Zellen im Gehirn dasselbe. Wenn ich einen Angstpatienten erfolgreich mit der Angst konfrontiere, dann verlernt er diese Angst – und zwar in denselben Hirnarealen, in denen er die Angst gelernt hat.

Ob einer eine schlimme Kindheit hatte oder nicht ...
... spielt für die Therapierbarkeit überhaupt keine Rolle, solange kein Gendefekt wie zum Beispiel bei einer geistigen Retardierung vorliegt.

Ich verstehe. Aber Hand aufs Herz: Ihr Ansatz ist schon sehr stark vereinfacht. Sie greifen sich aus einer Reihe von Persönlichkeitsmerkmalen lediglich die Furcht heraus und aus dem weit verzweigten Furcht-Netzwerk im Gehirn nur die Insula.
Deshalb hat’s auch nicht geklappt.

Bitte?
Ich war am Anfang sehr viel enthusiastischer. Wenn Sie sich aber unsere neuesten Ergebnisse anschauen ...

Kann die Insula also doch nicht willentlich reguliert werden?
Doch – zwar brauchen Psychopathen mehr Sitzungen als gesunde Probanden, aber letztlich schaffen es alle, ihre Insula mehr oder weniger zu kontrollieren. Allerdings können wir keine Steigerung ihrer antizipatorischen Furcht feststellen.

Nun, das wäre ja genau das Hauptziel gewesen. Gehen wir Ihre Methode kurz durch, um das Problem zu lokalisieren. Sie arbeiten mit Neurofeedback. Wie geht das?
Das funktioniert im Grunde ganz einfach: Die Psychopathen legen sich in einen Magnetresonanztomografen, wir messen, wie stark die Insula durchblutet wird, und die Höhe dieser Aktivität wird ihnen symbolisch in Form eines Fieberthermometers angezeigt – das ist dann das Feedback. Und nun müssen sie lernen, die Anzeige dieses Thermometers so weit wie möglich nach oben zu bringen, indem sie an ganz bestimmte Dinge denken – woran genau, ist ihnen überlassen.

Woran denken die Psychopathen, wenn man sie danach fragt?
Das ist ganz unterschiedlich: an die letzte Gerichtsverhandlung, an einen Streit mit dem Vermieter, an die Grossmutter, ans Gefängnis ...

Und wo genau liegt nun das Problem?
Im Moment bei der Insula selber. Die Insula reagiert eben nicht nur auf Negatives, sondern leuchtet bei ganz vielen Gedanken auf, relativ unspezifisch. Deshalb kriegen die Verbrecher die Insula praktisch immer hoch.

Wobei sie dann nachher ja angeben müssen, woran sie gedacht haben.
Ja, aber da können sie uns im Grunde ja erzählen, was sie wollen – auch wenn sie sich in Wirklichkeit vielleicht gar nichts Furchterregendes, sondern sogar was Positives vorgestellt haben.

Den nächsten Mord zum Beispiel.
Exakt! Und schon geht die hoch.

Wie haben Sie festgestellt, dass die Furcht nicht gestiegen ist?
Wir haben ihnen unangenehme Bilder gezeigt: ein Skelett, ein paar Schädel, Gräber, eine Leichenhalle ... Die Psychopathen bewerteten diese dann zwar negativer als vor dem Neurofeedback, aber sie zeigten nicht jene Intensität von Furcht, die wir trainieren wollten.

Haben Sie vielleicht auch ein viel grundsätzlicheres Problem? Der US-amerikanische Psychiater Robert Hare sagt: «Psychopathen wollen sich gar nicht ändern.»
Das ist Blödsinn. Wenn Sie in ein Hochsicherheitsgefängnis gehen, treffen Sie immer irgendeine Bereitschaft zur Teilnahme an. Ob die sich nun wirklich bessern wollen, sich eine frühere Entlassung versprechen oder einfach auf die finanzielle Belohnung fürs Mitmachen aus sind, spielt für die Therapierbarkeit keine Rolle.

Ihr Fazit?
Für solche komplexen Emotionen wie Furcht oder auch Depressionen sind eben immer viele Hirnareale zuständig. Man müsste dieses ganze System ändern, und das haben wir nicht getan.

Das hört man leider viel zu selten, dass Forscher sagen: Das hat nicht geklappt!
Weil es schwer publizierbar ist. Wir kriegen deshalb auch viele Ablehnungen. Dann veröffentlichen wir es halt in den eher am Rande liegenden Zeitschriften, damit man sieht: Dieses und jenes geht eben doch nicht!

Aber Sie bleiben dabei: Alle Psychopathen sind prinzipiell therapierbar?
Natürlich. Auf Dauer ist jeder therapierbar - man muss nur herausfinden, wie.

Wie gehen Sie nun weiter vor?
Wir haben jetzt eine Methode entwickelt, wo wir die Aktivitäten des ganzen Netzwerks, also Amygdala, Insula, Cingulum und Teile des Stirnhirns, gleichzeitig rückmelden können, und dann müsste das besser klappen.

Das würde die neuronale Seite erweitern. Interessant wäre es ja aber auch, über die Furcht hinauszugehen. Könnte man denn mittels Neurofeedback prinzipiell auch andere Risikofaktoren therapieren?
Klar, solange das betreffende neuronale Netzwerk genau lokalisiert ist.

Schauen wir uns doch zusammen ein paar Merkmale von Psychopathen an, und Sie sagen mir bitte jeweils: therapierbar oder nicht. Furcht ist also klar ...
... ja.

Impulsivität?
Ja.

Keine Empathie?
Ja. Hängt mit der Furchtlosigkeit zusammen: Je mehr Furcht, desto mehr Empathie.

Manipulatives Verhalten?
Ja. Hat wiederum mit Empathie zu tun.

Fehlen von Reue und Scham?
Genauso. Die hängen alle zusammen.

Oberflächliche Gefühle?
Ja. Insula.

Pathologisches Lügen?
Wir haben mal Gleichstrom simuliert in einem bestimmten Teil des Stirnhirns, und dann haben die Leute mehr gelogen. Also auch hier: ja.

Egozentrisch?
Das beinhaltet ja, dass man sich selber ins Zentrum des Denkens und Handelns stellt, und das hängt wieder eng mit der Empathie zusammen. Müsste also möglich sein.

Verantwortungslosigkeit?
Nein, das nicht. Ist mir zumindest nicht bekannt.

Delinquenzfördernde Weltanschauungen – zum Beispiel, dass Frauen weniger wert seien?
Ja. Wir wissen aber noch nicht, wo genau das im Gehirn lokalisiert ist, deshalb könnten wir im Moment dazu nichts machen. Aber klar ist: Solche Einstellungen haben einen höheren biologischen Anteil als viele der anderen Merkmale hier. Wir kennen sie nur noch nicht.

Neun von zehn Merkmalen sind heute schon oder zumindest prinzipiell therapierbar – das klingt jetzt doch wieder sehr optimistisch!
Prinzipiell schon. Allerdings nur dann, wenn ich diesen Lernprozess auch in die Realität verlagern kann. Das ist aber ein entscheidender Punkt – im Moment sind das ja alles lediglich Laborexperimente!

Der Psychiater Frank Urbaniok kritisiert Sie exakt da, wenn er sagt: «Selbst wenn Furcht im Labor gelernt werden kann, heisst das nicht, dass man dies in den Alltag übertragen kann.»
Vollkommen richtig.

Angenommen, die Psychopathen würden es schaffen, ihre Insula willentlich hochzufahren – für die Rückfallgefahr würde das also noch wenig bedeuten?
Gar nichts! Wir haben auch nie behauptet, dass wir durch Lernen im Labor eine Störung beseitigen. Das sind ja nur solche proof-of-principle-Arbeiten, wo wir uns fragen: Geht das überhaupt? Okay, es geht. Aber fast alles, was man im Labor trainiert, muss man nachher auch im Alltag trainieren.

Was braucht es, um diesen Transfer zu schaffen?
Sobald das zuverlässig im Labor klappt, muss man es draussen genau in jenen Situationen üben, in denen die Furchtlosigkeit besonders dramatisch zu Straftaten führt. Heute ist es verboten, aber früher hat man die Straftäter ja einfach in einen Video-Raum gesetzt und gewalttätige sexuelle Handlungen schauen lassen, ihren Penis mit einem Elektroschock-Gerät verbunden und immer kleine, aber schmerzhafte elektrische Schläge verabreicht, wenn sie eine Erektion bekommen haben. Die haben sich das derart schnell abgewöhnt ... in ein paar Wochen war Ruhe! Aber das dürfen wir ja nicht mehr.

Was wäre eine realistische Alternative?
Im Moment bereiten wir Studien mit einem tragbaren Nahinfrarot-Spektroskopie-Gerät vor. Das kann man aufsetzen wie eine Badekappe und so draussen in der Realität dasselbe gewünschte Verhalten, also hier das Hochfahren der Furcht, weiter trainieren.

Wo genau würde sich im Alltag die gelernte Furcht bei einem Psychopathen zeigen – erst kurz vor der Attacke, beim Kauf der Tatwaffe oder bereits zuhause, wenn das geplante Verbrechen in der Phantasie abläuft?
Das hängt vom Training ab. Je länger jemand trainiert, desto früher wird die Furcht in diesem ganzen Handlungsablauf einsetzen. Das ist wie beim Sport: Wenn er merkt, dass er Erfolg hat, traut er sich immer mehr zu.

Sie gehen also von der Therapierbarkeit auch hochgefährlicher Straftätern aus. Im Schweizer Gesetzestext zur lebenslangen Verwahrung steht: «Die verurteilte Person wird als dauerhaft nicht therapierbar eingestuft, wenn die Behandlung langfristig keinen Erfolg verspricht.» Gibt es solche Personen gar nicht?
Nein. Ausser sie haben einen klaren genetischen Defekt, einen Chromosomenfehler wie beim Prader-Willi-Syndrom, und es gibt eine klare Beziehung zwischen diesem Gendefekt und dem kriminellen Verhalten. Das ist aber zum Beispiel bei der Psychopathie nicht der Fall.

Im Gesetz heisst es weiter: «Eine Entlassung wird dann geprüft, wenn neue wissenschaftliche Erkenntnisse vorliegen, die erwarten lassen, dass die verurteilte Person so behandelt werden kann, dass sie für die Öffentlichkeit keine Gefahr mehr darstellt.» Hat Ihre Therapie das Potential dazu?
Ja, wobei man in der Realität zeigen müsste, dass sie funktioniert, und dazu müssten wir lange Nachuntersuchungen durchführen.

Wie lange?
Da würde ich zuerst zu den Statistikern gehen und zum Beispiel fragen: Wie viele Psychopathen, die einen Mord begangen und nach Gefängnisstrafe und Therapie wieder entlassen wurden, sind nach 5, 10, 15 Jahren rückfällig geworden?

Laut Statistik werden nach 10 Jahren rund 50 Prozent der psychopathischen Sexualstraftäter rückfällig.
Okay, also müssten das dann bei erfolgreicher Anwendung des Neurofeedbacks und der Nahinfrarot-Spektroskopie deutlich weniger sein.

Viele Fachleute sind skeptisch. Robert Hare, der Ersteller der Psychopathie-Checkliste, sagte vor vier Jahren zu Ihrem Vorhaben: «Viel Glück, Niels. In drei oder vier Jahren sprechen wir uns wieder. Ich glaube nicht, dass er grosse Erfolgsaussichten hat – denn die Psychopathen sind, was sie sind.»
Da steckt auch eine Form der antizipatorischen Furcht dahinter ...

Inwiefern?
Nun, der geschätzte Kollege sieht die Psychopathie ja als unveränderbares Merkmal an, mit dem man Verbrechen vorhersagen kann, und wenn das nicht mehr stimmt, dann ist seine Checkliste nichts mehr wert.

Aber Ihr Gegenbeweis steht noch aus, nicht wahr?
Den muss jemand erbringen, der Zeit hat und lange Nachuntersuchungen machen kann. Das werde ich zu Lebzeiten nicht mehr schaffen. So viel ist sicher!

Die Fragen.

Wann ist ein Straftäter nicht therapierbar?

Ein Straftäter wird lebenslang verwahrt, wenn er dauerhaft nicht therapierbar ist. Doch was genau braucht es dafür?

Niels Birbaumer

Alle Psychopathen sind therapierbar

Theoretisch. Aber wir wissen noch nicht genau, welche Massnahmen in der Praxis wirksam sind, räumt der Tübinger Hirnforscher Niels Birbaumer ein.

Thomas Müller

Was hat der Täter getan, was er nicht hätte tun müssen?

Diese nicht-erforderlichen Entscheidungen sagen viel über die Bedürfnisse eines Täters aus. Und über seine Gefährlichkeit, sagt der Kriminalpsychologe Thomas Müller.

Frank Urbaniok

Es geht um eine Güterabwägung

Wenn bei einem Täter die Risiken deutlich schwerer wiegen als die Chancen, dann ist er möglicherweise dauerhaft unbehandelbar, sagt der forensische Psychiater Frank Urbaniok.

Marc Graf

Risikoprognosen für Straftäter sind unscharf

Würde man in der Physik mit dieser Irrtumswahrscheinlichkeit arbeiten, würden alle Raketen vom Himmel fallen, sagt der forensische Psychiater Marc Graf.

Thomas Noll

Man muss den Haftverlauf des Täters genau beobachten

So besteht der Sinn von Strafvollzugslockerungen gerade darin, dass man überprüfen kann, wie gut das Erlernte umgesetzt wird, sagt Thomas Noll, Direktor des Schweizerischen Ausbildungszentrums für das Strafvollzugspersonal.

Alle Gespräche in einem Band

Ein Straftäter wird lebenslang verwahrt, wenn er dauerhaft nicht therapierbar ist. Doch was genau braucht es dafür?