Das motiviert.
Er kann sich aber auch vorstellen, wie er beim Startspiel auf dem Eis steht, eine positive Körpersprache ausstrahlt und sich voller Energie, wohl und bereit fühlt. Je häufiger er solche Situationen vorher mental durchspielt, desto grösser ist die Chance, dass er dann am Tag X auch tatsächlich in die Zone seines optimalen Leistungszustands kommt.
Wenn die Russen, der erste Gegner im Turnier, nach Anpfiff zu dritt auf den Verteidiger losstürmen, ist er vermutlich aber trotzdem schnell raus aus diesem Kanal.
Auch darauf kann er sich mental vorbereiten. Ich bleibe beim Visualisieren. In diesem Fall könnte er sich zum Beispiel den Spielaufbau vorstellen, wie er den Pass genau in den Lauf des Mitspielers spielt und dann selber schnell aus der eigenen Zone fährt. Das macht er immer und immer wieder – bis er den Film problemlos abspielen kann.
Das klingt zwar plausibel, aber gibt es auch wissenschaftliche Belege zur Wirksamkeit der Visualisierung?
Ja. Gut belegt ist zum Beispiel der sogenannte Carpenter-Effekt. Dieser besagt, dass die blosse Vorstellung einer Bewegung mit geringen Muskelkontraktionen und einer minimalen Bewegung einhergeht. Aus der Hirnforschung weiss man zudem: Wenn man sich etwas intensiv vorstellt, sind dieselben Hirnareale aktiv, wie wenn es Realität wäre. Je öfter ich das mache, desto stabiler werden diese Synapsen. Teile des Bewegungsablaufs lassen sich damit automatisieren.
Was bedeutet das in Bezug auf den Eishockeyspieler?
Er ist unter Druck nicht mehr so anfällig für Störungen. Und er spart Energie, die er beispielsweise dafür einsetzen kann, seine Aufmerksamkeit vermehrt auf die Laufwege der Mitspieler zu richten.
Szenenwechsel, der Tag X ist da. Noch eine Stunde bis zum Wettkampf. Man ist aufgewärmt, sitzt in der Kabine. Was ist nun das Wichtigste aus sportpsychologischer Sicht?
Je näher der Wettkampf rückt, desto stärker werden die Zugkräfte, die es mir erschweren, in den optimalen Leistungszustand zu kommen. Manche Athleten blockieren in Folge des hohen Drucks und verfallen in Lethargie. Die meisten jedoch überpowern und müssen ihre Anspannung so schnell wie möglich herunterregulieren.
Wie geht das?
Ein Königsweg sind Rituale. Eishockeyspieler präparieren ihren Stock, Tennisspieler ihr Racket, es sind immer dieselben Handgriffe und Abläufe. Die Folge: Man ist im Hier und Jetzt, ganz fokussiert und kann so die Anspannung herunterfahren.
Noch fünf Minuten bis zum Anpfiff. Das Stadion ist ausverkauft, die Fans sind laut, die Atmosphäre aufgeladen. Alles enorm starke Zugkräfte, die einen Athleten aus der Zone des optimalen Leistungszustands reissen können.
Wenn Zuschauer da sind, dann macht das etwas mit Athleten. Grundsätzlich bringt man bessere Leistungen, wenn man beobachtet wird oder sich in einem Wettstreit mit anderen befindet – das nennt sich «social facilitation». Ist aber die Angst vor dem Scheitern zu gross, verschlechtert sich die Leistung sogar, wenn Publikum da ist – das nennt man dann «social inhibition».